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Sechs Mutige und das Meer

Sommerausflug 2006

Bericht von Verena Jansen, viva accordia e.V.

Unsere Friesin Frauke wollte uns endlich mal eine kleine aber feine Ecke ihrer Herzensheimat Nordfriesland zeigen.

Uns war bekannt:

Kleines Marschgepäck, evtl. Sonnenschutz, Windjacke und Badezeug. Starten sollten wir von Schlüttsiel aus ins Wattenmeer. Mut über ungewöhnlichen Untergrund zu laufen, durfte nicht fehlen.

Urlaubs- und Arbeitsbedingt - oder hat die Einladung einige abgeschreckt, haben sich dann fünf Mutige gefunden, Frauke in ihre Heimat zu folgen. Nach einem Fahrdienst durch Frauke trafen sich Norbert, Patricia, Astrid, Frauke und Verena um 9:30 Uhr mit Birgit in Schlüttsiel, Kreis Nordfriesland.

Hier sollte die Tour mit einer Fähre starten. Nach den vergangenen regenverhangenen Tagen wurde kurz beratschlagt: Machen wir uns einen schönen Tag auf einer Hallig oder gehen wir durchs Watt. Das also war es, eine Wattwanderung. Auch wenn wir uns das schon gedacht hatten, jetzt wurde es ernst.

Ein grauer Himmel sagte nichts gutes, die Wettervorhersage versprach 30% Regenwahrscheinlichkeit und Frauke hatte sogar von angekündigtem Gewitter gehört, aber Dank des Mutes von Norbert:

"Wenn wir losziehen scheint die Sonne",

machten wir uns auf den Weg.

Fahrrad klar machen
Fahrrad klar machen

Nach einer Kaffeestärkung legte die Fähre ab. Nach 1½ Stunden Fahrt auf Hallig Langeneß angekommen wurden wir vom schönsten Sonnenwetter empfangen. Nun hieß es, ab auf die Fahrräder.

Wie Fahrräder, was hat das mit ungewöhnlichem Untergrund sprich Wattwandern zu tun ? Frauke musste aufklären. Wir müssen erst Langeneß überqueren (der Name sagt es schon), 12 km Fahrrad fahren. Erster Stopp ein Café, Stärkung bei Kaffee und Kuchen. Danach Besuch des Museums auf Langeneß. Das Wohnhaus von Kapitän Tadsen. Dieses wurde, nachdem das letzte Mitglied der Familie verstarb, von der Gemeinde erworben und in ihren Ursprung zurückgebaut, keine Heizung, keine Wasserleitung und als Museum hergerichtet.

Hier bekamen wir einen kleinen Einblick vom Leben auf einer Hallig, das hauptsächlich von Ebbe und Flut bestimmt ist. Unter anderem sammelten die Halligbewohner aus Mangel an Feuerholz die Kuhfladen. Diese wurden breit geklopft und getrocknet, zu so genannten Ditten. Man mag es nicht glauben, wenn man an die Düngezeit der heutigen Landwirte denkt, Ditten riechen fast gar nicht mehr nach Kuhsch....

Für unsere Vorstellung muss es im Sommer ein uriges Bild gewesen sein, wenn die Ditten zum Trocknen rund um die Wälle der Warften gelegt wurden. Wir bekamen noch zu wissen, dass die Betten ein einheitliches Längenmaß von 1,63 m hatten. Bequem war das bestimmt nicht, aber die Menschen schliefen damals hauptsächlich im Sitzen. Die Großeltern hatten das Privileg, in der geheizten "guten Stube" schlafen zu dürfen.

Schiffe hängen von der Decke
Schiffe hängen von der Decke

Wir fuhren weiter zur Kirche. Dort erklärte Frauke uns, daß Teile des Kircheninventars angespülte oder mitgebrachte Dinge der Seefahrer sind. So ist das Taufbecken z. B. gut 100 Jahre älter als die Kirche selbst. Auch konnten wir Teile von Schiffsgeländern und Galionsfiguren sehen. Was auffällt ist, daß in den Kirchen Schiffsmodelle, so genannte Votivschiffe, von der Decke hängen. Votiv bedeutet Weihgabe und wurde von den Kapitänen als Dank zum Schutz auf See den Kirchen gestiftet.

Die letzten von uns zogen sich kurze Hosen an und wir fuhren weiter bis zum Lorendamm. Loren sind Transportwagen, die auf Schienen fahren, und zu den Halligen Langeneß und Oland, sowie zum Festland nach Dagebüll eine Verbindung per Damm haben. Diese Loren wurden früher per Windkraft (Segel) angetrieben. Mittlerweile fahren sie elektrisch. Wir wunderten uns, dass dort auch viele Traktoren am Damm standen, doch Frauke konnte uns auch dieses erklären. Auf den Halligen hat jede Warft mindestens eine Lore und transportiert damit vor allem die großen Einkäufe vom Festland.

An den Traktoren sind Halterungen angebaut, mit denen eine Lore direkt von den Gleisen gehoben werden kann, um dann den Inhalt nach Hause zum Abladen zu bringen. Die Loren werden auch zum Personentransport benutzt, doch muss ein Gast, um mitfahren zu dürfen, mindestens eine Nacht auf einer Hallig schlafen.

Nach einer kurzen Proviantstärkung hieß es jetzt Schuhe und Strümpfe aus. Es ging ins Watt !!!

Frauke versprach uns, daß kleine Personen bei Durchquerung der Priele auch im Schritt nass werden. Sie hat die Tour schon oft gemacht. (Anmerkung: gegen Frauke sind wir alle klein!)

Fünf von sechs Mutigen
Fünf von sechs Mutigen

Nach den ersten Fußbegegnungen mit Schlick, Muscheln, Krebsen, Algen und Krabben (Zitat Norbert: die sind ja gar nicht rot und krumm sondern sehen aus wie kleine Fische) hatten wir uns an das Laufen im Watt gewöhnt. Frauke konnte uns während der 2 x 5 km viel über die Umgebung erzählen, und auch an Wetterprognosen, wie Wolken wann aussehen, fehlte es hierbei nicht. Hallig Oland kam immer näher und somit auch der versprochene leckerste Pharisäer, den es gibt.

Dann kam der erste Priel (Ein Priel ist wie eine Wasserstraße im Watt; hier geht das Wasser bei Ebbe nicht ganz weg). Wagemutig schritten wir hindurch. Es war rutschig und Algenbedeckt. Wo ist der Grund geblieben fragten sich manche. Aber das Wasser reichte allen zum Glück nur bis über die Knöchel. Auf Oland angekommen brausten wir erstmal unsere Füße ab, sahen uns ein bisschen auf der Hallig um und genossen unseren Pharisäer.

Der Pharisäer, ein Getränk aus Kaffee, Rum und Schlagsahne bekam seinen Namen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Kindstaufe auf der Halbinsel Nordstrand. Der Pastor hat Alkohol abgelehnt und somit in seiner Gegenwart das Trinken verboten. Bei der Kindstaufe wandten die Leute eine List an, indem sie dem mit Rum versetzten Kaffee eine Sahnehaube aufsetzten, die verhinderte, daß der Rum im Kaffee verdunstete und es somit nicht nach Alkohol roch.

Der letzte Tropfen muß mit...
Der letzte Tropfen muß mit...

Der Pastor, der natürlich normalen Kaffee bekam, kam den Leuten durch eine vertauschte Tasse auf die Schliche und rief laut aus: "Ihr Pharisäer", der Name war geboren.

Mittlerweile war es 17:00 Uhr und wir machten uns auf den zweiten Weg durchs Watt Richtung Dagebüll, reichlich lustiger gestimmt durch den Pharisäer. Hier war es schon ein komisches Gefühl durchs Watt zu laufen. Man sank ein paar Zentimeter ein und fühlte unter einer Sandschicht die Muscheln und Schnecken. Eine Fußreflexzonenmassage kann nicht schöner sein. Dieser Weg wurde dann auch beschwerlicher. Teilweise war das Watt so weich, dass wir bis zu den Knien einsanken. Aber eine Moorpackung kann nicht schaden.

Leider konnte Frauke ihr Versprechen nicht einlösen, dass wir im Schritt nass werden, die Priele waren an dem Tag gnädigerweise doch nicht so tief.

Ach nein Halt, jemand ist doch im Schritt nass geworden. Frauke selbst, aber dass lag an dem nassen Stuhl im 1. Café und nicht an den Prielen.

Auch diesen Teil des Watts haben wir gemeistert, nachdem wir die Hoffnung aufgegeben haben, unsere Füße im Priel sauber zu bekommen, denn kaum raus aus dem Priel, sanken wir schon wieder tief ins Watt. Norbert hat sich dann noch mit den Krabben angefreundet. Als wir im wasserumspülten Watt auf zwei Nachzügler warteten, fingen die Krabben an, Norberts Füße anzuknabbern. Wir haben Norbert lange nicht so kichern und springen gesehen.

Frauke, Danke
Frauke, Danke!

Wir erreichten Dagebüll bei schönstem Wetter gegen 19:00 Uhr und wurden dort von Agnes, die zahntechnisch bedingt leider nicht an der Wanderung teilnehmen konnte, mit einer Naschitüte empfangen. Fraukes Eltern, die in Dagebüll am Wasser eine Badebude stehen haben (2 x 2 Meter, Bank, Tisch, Gaskocher) bewirteten uns mit Tee und "geelem Köm", auch Teepunsch genannt. Zum Abschluss genossen wir noch Fischleckereien in der Gaststätte "To oolen Slüüs" (die alte Schleuse).

Für alle neugierig gewordenen; die Halligen sind immer eine Reise wert, sei es für Tagestouren oder um Urlaub zu machen.

Vielen Dank nochmals an Frauke für diesen unvergesslich wunderschönen Tag in ihrer Heimat.

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